Was die kurzfristige Senkung der Mehrwertsteuer für Unternehmen bedeutet

Brief des EVL Vorstandes Stephan Koziol an die Bundestagabgeordnete Patrizia Lips.

Liebe Frau Lips,

anstrengende Zeiten für alle Beteiligten, diese aktuellen Herausforderungen und Belastungen.

Ich gebe gerne einmal zwei Kommentare zum Konjunkturpaket weiter, einen offiziellen und einen inoffiziellen.

Der offizielle Kommentar lautet:

Die Idee, 3% Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr zu senken, ist mit einem Aufwand von mehreren Hundert Millionen Euro für die Wirtschaft verbunden.

Die Politiker werden sicher sorgsam abgewogen haben, ob es das Wert ist oder nicht und haben wohl die erhoffte positive, emotionale Wirkung für die Bürger höher eingeschätzt, als den dadurch entstehenden Schaden

Dafür sind sie Politiker und das ist ihre Aufgabe, das zu entscheiden und auch abzuwägen.

Der inoffizielle Kommentar und das sage ich nicht nur als Privatmann, sondern auch als Unternehmer und das gilt für alle drei Firmen, ob es unser Fitnessstudio ist, unsere Glücksfabrik mit der Endverbraucher-Ansprache oder auch die Firma ideas for friends ist, die den Markt beliefert. Sie gilt auch für die 180 Mitglieder des Europäischen Verbandes Lifestyle und jeden, den ich bisher dazu befragt oder nicht gefragt habe:

Schlimmer geht’s immer!

Dass die verantwortlichen Politiker damit tausenden, vielleicht zehntausenden Unternehmen den Todesstoß geben, ist ihnen anscheinend egal. Dass sie damit Unfrieden säen, Ärger produzieren, unglaublichen Kostenaufwand – super.

Erst Hüh, in einem halben Jahr wieder Hott. Mehrwertsteuer! Jeder ist sofort kriminell, wenn da irgendetwas schief läuft. Der Aufwand das zu ändern, ist immens. Die Endverbraucher sind verärgert, fangen an mit den Unternehmen zu streiten, mit den Vermietern, mit den Verkäufern….

Wir müssen alle Verträge mit unseren Mietern ändern, alle Verträge mit unseren 1.200 Mitgliedern von Sportiol, alle Auszeichnungen im Shop, alle Kassen umstellen unsere UVP Verkaufsliste ändern, auf die wir auch unsere Rabatte gewähren und am Ende außer Spesen nichts gewesen.

Die meisten Endverbraucher werden nicht verstehen, warum hinterher keine 3% bei ihnen ankommen, denn dann würden wir noch einen ordentlichen Verlust machen, es sind ja nur 2,18%

Bei so viel wirtschaftlichem Unverständnis bin ich einfach fassungslos, wie eine halbwegs ernstzunehmende Regierung auf so eine idiotische Idee kommen kann.

Für mich heißt das, Politik ist für mich vorbei, von den Parteien, die es heute noch gibt, kann ich keine mehr wählen, keine Ahnung, wohin die Reise geht.

Aus populistischen Gründen, den Mittelstand so niederzumachen, ist einfach unglaublich.

Jeder Zigaretten-Automat, alles, alles muss umgestellt werden. Dafür gibt es gar keine Kapazitäten. Und dann das Ganze in einem halben Jahr wieder zurück, da helfen nicht mal Hoffmanns Tropfen.

Ich hatte mit Frau Funken gesprochen und habe ihr gesagt, wenn ich Ihre Handy-Nummer habe, rufe ich sie noch mal an. Ich hatte sie aber nicht, deswegen dieses Mail

Mit einer solchen Maßnahme wird man Zehntausende von Bürgerinnen und Bürgern noch einmal klarmachen, dass die politische Führung überhaupt kein betriebswirtschaftliches Verständnis hat und dass der Mittelstand allen vollkommen egal ist.

Wenn ich höre, dass die Lufthansa ihre Privilegien behalten kann, weil sie jetzt 8 Milliarden bekommt und die Auszubildenden von der Lufthansa einen Brief bekommen, dass sie jetzt wieder das doppelte Urlaubsgeld bekommen, da ja vom Staat das Geld kommt, dann ist das zwar die Realität und auch nachvollziehbar, wenn ein Minister nachher wieder auf einen interessanten Posten bei der Lufthansa schielt, aber mit verantwortungsbewusstem Handeln hat das gar nichts zu tun.

Und nebenbei, das dicke Ende kommt erst noch. Bisher haben auch wir noch von den Umsätzen gelebt, die wir im Januar und Februar generiert haben. Danach konnten wir keine Kunden mehr besuchen, keine Messen mehr und erst jetzt kommt die Lücke und das Loch.

Ich glaube nicht, dass es eine konjunkturelle Erholung geben wird. Es wird eher noch weiter runtergehen und ich würde mich nicht wundern, wenn in relativ kurzer Zeit 15% Arbeitslose auch in Deutschland zu verzeichnen wären.

Ich denke mal, 30% derjenigen, die in Kurzarbeit sind, werden in die Arbeitslosigkeit gehen und da sind wir ganz schnell bei solchen Zahlen. Darüber muss man sich bewusst sein und bei den Entscheidungen betriebswirtschaftliche Fachleute hinzuziehen, die wenigstens vermeiden, dass man Entscheidungen fällt, die zwar gut für Wahlpropaganda zu verwenden sind, aber in der Realität und mittelfristig gesehen, ausgesprochen unklug sind.

Trotz allem Pfingsten ist ja noch nicht so lange her, vielleicht kommt die Erleuchtung doch noch – besser spät als nie.

Beste Grüße aus der Glücksfabrik im Odenwald


Stephan Koziol
Geschäftsführer

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